GEGENWARTSLITERATUR 2746
Maiglöckchen und Dornwies
Wo enden denn alle diese großen Gedankenentwürfe, Konsumartikel, Verheißungen, Urlaube und Sonderangebote, die rund um die Uhr angeboten werden? - Sie alle kommen an die Peripherie und ins Innere der Menschen in einem. Wer sie endgültig aufzeichnen will, muss sie beim Endverbraucher abhorchen, in den innigen Herzen, die am Rande der Gesellschaft auf Sparflamme glühen. Das Motto dafür heißt logischerweise: Heimat ist dort, wo der Schlüssel passt, ein Spruch!
Rudolf Lasselsberger überschreibt seine Anthologie von den innigen Herzen mit botanischen Begriffen der Volkskunst. Maiglöckchen und Dornwies sind der ideale Schmuck für eine Frömmigkeit gegenüber dem Leben, die sich auf das Kargste beschränkt und jeden Schnickschnack weglässt.
Anthologie ist vielleicht ein hilfloser Begriff, in Wirklichkeit handelt es sich wohl um einen Über-Roman, der aus fünf Lebenswerken von fünf Künstlerinnen entwickelt ist. In einem persönlichen Waschzettel formuliert Rudolf Lasselsberger auch die Notwendigkeit, mit diesen Menschen das Buch zu verwirklichen.
„Josef K. war mein Deutsch-Professor in Scheibbs, hab bei ihm maturiert, hat mich auf Wespennest aufmerksam gemacht damals. Elfriede H. stammt vom selben und gleichen Ort wie meine Wenigkeit, ist vor einigen Jahren bei einer Lesung von mir aufgetaucht. Meine Mutter, Hermine L., hat zum Glück noch künstlerisch tätig sein können, bevor Parkinson sie endgültig zum Schweigen brachte, voriges Jahr ist sie gestorben. Dieses Buch liegt mir sehr am Herzen.“ R.L., April 2016
Hermine Lasselsberger führt ein Tagebuch im Marienheim, die einzelnen Blätter aus einem Notizblock sind ein Mittelding zwischen Andachtsbild und Sterbebild. Aus den Blättern springt jeweils eine spruchartige Erkenntnis entgegen, die von einer Schraffur unterlegt ist, die vielleicht eine Stimmungskurve darstellt. Ab und zu grinst auch ein Gesicht aus einer Ecke, die Erschreckens-Skala reicht dabei von pfiffig bis bleich. „Telefon neben mir, aber es ruft niemand an.“ (15) „Es ist jetzt 10 Uhr, ich sitze im Zimmer, der Fernseher zeigt einen schönen Film über eine Traum Insel.“ (17) „Sonnenschein und Gewitterwolken, so ist das Leben, ziehen übers Land.“ (19)
Elfriede Hochher leuchtet in knapp zwanzig Sequenzen „Lisas Gesicht“ aus. Lisa denkt vor allem in Bildern, die sie unaufgefordert bestürmen und nie erklären, was sie eigentlich wollen. Im Kino werden die Bilder hintereinander gereiht, aber es sind nicht jene, die manchmal Hände kriegen und Lisa an die Schulter fassen. Je älter ich werde, um so heftiger werden diese Bilder, meint sie. „Der Mensch macht aus seinen Gewohnheiten Rituale. Meist unbewusst. Kinder phantasieren. Ganz bewusst.“ (48)
„Schön war die Zeit“ zitiert Josef Kammerer einen alten Song, wenn er in neun Stationen von jenen Rauschwellen berichtet, die mit entsprechender Verzögerung durch die Entlegenheit an den Gehörrand drängen. „Jesus, Mozart, Toni Sailer“ fasst anhand von Schlagzeilen jene Welt zusammen, die zum Aufputschen der Menschen dient, dass sie glücklich bleiben während der Arbeit. Neben dem schöpfungsnotwendigen Jesus zeigt Mozart, dass es etwas wie Luxus neben der Schöpfung gibt. Und der Vater stellt dem Kind auch gleich große Künstler vor, alle sind Männer und Österreicher. Da macht es nichts, dass Toni Sailer neben dem Singen auch noch auf Schi macht. In die Orgie vom Siegesrausch des Toni Sailer schleichen sich auch Wörter ein, die den Glanz eintrüben. Südtirolkonflikt. Solche Wörter muss man draußen lassen.
Josef Kammerer platziert um diese Schlagwörter von der schönen Zeit einen Gegenkosmos, der entsteht, wenn man anfängt, die Welt für sich selbst zu deuten. Zu Sternstunden gelingt dann das Außergewöhnliche, so soll in Dornwies am Ötscher ein Festival mit Woodstock'schen Ausmaßen stattfinden,
Größe und Authentizität stellen auch Rudolf Lasselsberger immer wieder vor allerhand Schwierigkeiten, wenn die Emotion in die richtige Model gegossen werden muss. „FC vor, noch ein Tor“. Überall brennen die Herzen unter diesem Schlachtruf. Aber dann geht in der Praxis mit den Emotionen etwas daneben. Im Garten liegt Tschappi in seiner blauen Arbeitsmontur, er hat sich mit dem Schlachtschussapparat in den Kopf geschossen, der seltsame Blasen auf der Blutkruste bildet. Die Uhr geht noch, der Arm zuckt immer wieder und er Heli kann nicht landen, weil im Mostviertel so viele Obstbäume herumstehen. Rudolf Lasselsberger serviert letale Idyllen, diese Gegend ist schön für den, der sie aushält, die anderen müssen sich irgendwie daraus entfernen.
Die letale Heimat idyllisiert Erich Südermann schließlich mit seinen vierzehn Landschaften, die er zu Vignetten zusammengeschrumpft hat. Die Natur wird geometrisiert und gezähmt, da aber eine Patina aus Jugendstil darübergelegt ist, empfinden wir die Landschaft als Ornament und Aphrodisiakum. So kann die Landschaft in der Galerie hängen und tut nicht weh, man ist bereit, für diese Schönheit der Blätter zu zahlen, weil sie draußen außerhalb des Bildes so nicht vorkommt. Ein sauberer Fahrstreifen führt in den Wald, der Letten ist gut gemustert und die Büsche halten sich an den goldenen Schnitt. Ein zweistämmiger Baum im Vordergrund ist so zusammengeschnitten, dass er im Seh-Volumen genau der Maya-Pyramide im Hintergrund entspricht. Eine Baumgruppe hat die tragenden Schäfte wie ein japanisches Schriftzeichen ausgerichtet. Überhaupt, diese Landschaft ist so hergerichtet, dass man sie überall hinstellen kann. Vermutlich ist auch das Mostviertel einst nach dieser Methode aufgebaut worden.
Maiglöckchen und Dornwies sind die Antwort auf die Globalisierung. So finden Freundschaften, Ereignisse ja überhaupt das Leben statt, wenn die Menschen vom Netz genommen sind. Es bleiben archaische Empfindungen und ein seelischer Algorithmus, der auf Wärme reagiert.

 

Rudolf Lasselsberger (Hg.): Maiglöckchen und Dornwies. Nachrichten aus dem niederösterreichischen Mostviertel und Umgebung. Hermine Lasselsberger / Elfriede Hochher / Josef Kammerer / Rudolf Lasselsberger / Erich Sündermann.
Wien: loma* Verlag 2014. 218 Seiten. EUR 12,50. ISBN 978-3-9503183-9-5.
Rudolf Lasselsberger, geb. 1956 in Schlatten 8, lebt in Wien. / Hermine Lasselsberger, geb. 1937, starb 2015 in Mank. / Elfriede Hochher, geb. 1948 in St. Leonhard, lebt in Leiben. / Josef Kammerer, geb. 1948, lebt in Scheibbs. / Erich Sündermann, geb. 1952 in Ruprechtshofen, lebt in Wien.
Helmuth Schönauer 14/06/18

 

 

 

GEGENWARTSLITERATUR 2668

Idyllie

Idyllie ist ein überzeugender Begriff zur Beschreibung eines extremen Wahrnehmungszustandes, einerseits steckt etwas Liebliches drin wie die Idylle, andererseits geht von dem Wort eine Bedrohung aus, wie wir sie vom Begriff Schizophrenie her kennen.

Rudolf Lasselsberger gilt als der Meister peripherer Erlebnisströme wie sie sonst nur die Beatniks erleben, wenn sie abseits des Mainstreams ihre eigenen Erfahrungen sammeln und sogar noch stolz darauf sind.

Im kleinen, spitzfindig feinen loma-Verlag kommen immer wieder neue Kompositionen des Autors zum Vorschein, die vielleicht wie ein Adventkalender arrangiert sind. Hinter knapp sechzig lyrischen Türchen liegt jeweils eine Überraschung parat: ein Gedicht, ein Spruch, ein aus der Zeit gefallener Leitartikel, eine Gebrauchsanweisung.

Als Leser kann man nie genug kriegen davon und reißt wie einst in der Kindheit alle Öffnungen auf, hinter denen man etwas Lyrisches vermutet. Das geht sogar so weit, dass man plötzlich auch außerhalb des Gedichtbandes Gedichte vermutet. Man reißt ein Küchenkastl auf, man dreht den sprichwörtlichen Abstreifer um, man zieht ein Wattestäbchen aus einer Öffnung, überall sind plötzlich Gedichte dran und drin.

„Im Notfall // an dieser Stelle / kräftig / nach innen / ziehen. / (Nov 97)“ (34) | „Nothammer // Im Notfall / Fensterscheibe / einschlagen / Jeder Missbrauch / wird bestraft. / (Aug 06)“ (16) | „Wir ersuchen Sie // Ihren Sitzplatz / anderen Personen / zu überlassen / wenn diese ihn / notwendiger / brauchen. / (Okt 06)“ (26)

Hintereinander gelesen sind diese öffentlichen Gedichte eine Botschaft der Verlässlichkeit. Zu verschiedenen Jahreszeiten in verschiedenen Jahren gelesen ermöglichen sie so etwas wie Identifikation, wenn nicht gar Heimat. Aber der Einspruch folgt in den Öffis sitzenden Fußes: „Heimat ist dort, wo der Schlüssel passt, ein Spruch!“

Allmählich lernt das Lyrik-lesende Auge, dass Vorsicht geboten ist, wenn einem etwas auf den ersten Blick logisch vorkommt. In die Sprüche sind kleine Ösen eingestanzt, die das pure Nichts bedeuten, eine Leerstelle, durch die man später einmal einen Sinn fädeln könnte.

So sind auch Reisegedichte aus Griechenland auch nach der Heimkehr noch brandgefährlich, wenn sich die Leber im Retsina windet, eine einzige Zeile wird genügen, um das lyrische Ich maßlos zu treffen, der Frühling kommt mittlerweile vom Band und das Vogelgezwitscher wirkt dementsprechend ausgestorben und überhöht. Die Idyllen haben eine makabre Fratze eingebaut, die sie nur gegen Vorbestellung zeigen. Am schärfsten sind die Idyllien, wenn sie sich als Einschlafgeschichte einer behüteten Kindheit tarnen oder einen Abzählreim der urinösen Art vorführen.

Rudolf Lasselsberger verlässt verlässlich den lyrischen Mainstream und als Leser kann man gewiss sein: Wo sein lyrisches Auge hinblickt, ist pure Poesie los!

 

Rudolf Lasselsberger: Idyllie. Gedichte.

Wien: loma* Verlag 2017. 62 Seiten. EUR 12,50. 080920172134.

Rudolf Lasselsberger, geb. 1956 in Schlatten 8, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 30/10/17

 

 

GEGENWARTSLITERATUR 2496

Willi in O.

Manchmal muss man ein Buch wegen seiner Gattungsbezeichnung lesen. Wie wirkt sich wohl eine Erfrischung auf den lesenden Körper aus? Springt sie gleich in den Kopf und erhellt alles? Macht sie die Beine frisch, als ob man gewandert wäre? Kommt die Erfrischung überhaupt aus dem Buch heraus, oder muss sie dort warten, bis im Regal die Jahrhunderte vergangen sind?

Rudolf Lasselsberger ist mittlerweile untrennbar mit seinem Willi verbunden. Vor beinahe zehn Jahren hat er während einer Eisenbahnfahrt spontan Kontakt zu ihm aufgenommen, seither fährt er mit ihm auf Kur, kommentiert mit ihm die engere Zeitgeschichte und die Auswirkungen der großen Kapitalschieflage auf das Prekariat. Willi ist ein Spiegelbild des Autors, ein ausgegliedertes Ich, oft auch nur eine voluminöse Hülle, die den Lust-Teil des Lebens übernimmt, während sich der Autor um die intellektuellen Angelegenheiten kümmern muss.

Die neue Episode „Willi in O.“ ist angeblich der Schlussteil der Williade, weil Willi wie im ersten Band wieder auf Kur fährt und dabei das Leben abrundet wie ein Omega. Dazwischen harren noch dutzende Notizbücher über den „Willismus“ ihrer Veröffentlichung.

Willi in O. spielt im Jahre 2009, die Beisl-Szene funktioniert routiniert, die Biere fließen wie von selbst in die dafür vorgesehenen Kehlen, der Zeitgeist kommt in Gestalt von Wirtshausgesprächen persönlich an den Tisch. Dann Schnitt, Willi tritt eine Kur an. Dieses O. kann Oberösterreich heißen, in Ordnung, oder auch „Oasch“. Ab jetzt gibt es nämlich nichts mehr zu essen und zu trinken, wenn man etwas will, wird einem gleich eine Ernährungstabelle vorgelegt.

Der Erzähler schiebt für das Ungemach seinen Willi vor. Dieser muss sich durch die Turnübungen, Wanderungen und Diäten kämpfen, an guten Tagen isst er alles zusammen, was die anderen am Tisch entbehren können. Die Welt hat über Nacht ein eigenes Vokabular bekommen, Wanderstöcke, Säfte, Blutdruck. Dazwischen am Flachbildschirm flache Programme, während man im Zimmer flachliegt.

Manchmal lässt der Erzähler seinen Willi liegen und flüchtet ins Notizbuch. „Alles wird gut, wenn er schön schreiben tut!“ (57) Da wacht Willi wieder auf und verlangt eine Zeichnung oder wenigstens eine gezeichnete Zierleiste.

Sportliche Ereignisse, ein Fußballer, der nach dem Debüt zum Arzt muss, der Gebrauchszettel für einen Regenschirm, eine Sondermarke mit Fred Zinnemann, Therapiepläne, ein ÖBB-Fahrschein nach Krems – alles wird ins Notizbuch geklebt und hinten in einem Register angeführt. „Duschen, mit Koffer in der Lobby, Willi zeigt den Stinkefinger, wir grinsen uns an.“

Rudolf Lasselsberger gelingt mit seinem aufgespaltenen Heldenpaar ein Geniestreich der Erzählkunst und tatsächlich eine Erfrischung. Der schizophrene Monolog geht manchmal knapp an der Psychiatrie-Kante spazieren, dann fällt das Duo wieder in ein homogenes Wesen zusammen und lässt die Welt zerborsten zurück. In jeder Zeile spiegelt sich der Lebenssinn, von Therapie zu Therapie, von Essen zu Essen, von Fernsehen zu Fernsehen. Und der I-Tupfen dabei: Schön schreiben, dann wird alles gut! – Letztlich genial optimistisch!

 

Rudolf Lasselsberger: Willi in O. Eine Erfrischung.

Linz: Resistenz 2016. 69 Seiten. EUR 14,90. ISBN 978-3-85285-295-9.

Rudolf Lasselsberger, geb. 1956 in Schlatten 8, lebt in Wien.

Helmuth Schönauer 10/05/16

 

 

 

 

Helmuth Schönauer | Öffentliches Bibliotheks- und Büchereiwesen | Universitäts- und Landesbibliothek Tirol | Innrain 50 | 6020 Innsbruck | Helmuth.Schoenauer@uibk.ac.at

 

  

 

undhier die wunderbare rezension von ilse kilic, danke, ilse!<!

 

 

Rudolf Lasselsberger: Tanz in den Mai.

 

Roman.
Mit Zeichnungen von Erich Sündermann.
Wien: Loma-Verlag, 2011.
211 Seiten, Euro 12,56.

Rudolf Lasselsbergers Roman ist im südlichen Niederösterreich angesiedelt. Dort bewegt sich das Romanpersonal auf dem dünnen Eis alltäglicher Verrichtungen und Selbstverständlichkeiten, ist ständig bedroht von Zusammenbrüchen, Gleichgültigkeiten und Niedergeschlagenheit und Freudlosigkeit, andererseits, gewissermaßen mit einem Augenzwinkern, ist es genau der Alltag, der das Leben „eigentlich“ auch ausmacht, ausmachen muss.

Rudolf Lasselsberger stellt „seine“ Hauptpersonen auf der ersten Seite des Buches vor, gleichsam ironisch auf diese Gepflogenheit im Genre „Kriminalroman“ verweisend, aber: Über Lasselsbergers Personen gibt es vorweg nicht viel zu sagen, Alter und Beruf müssen reichen, um eine Ahnung zu vermitteln, wer in diesem Buch „das Sagen“ hat. Die Personen haben hier nämlich wirklich „das Sagen“, wesentliche Teile des Textes bestehen aus Dialogen. Und was wird gesagt? Die Personen besprechen und kommentieren ihren Alltag, holen Schwung für die täglichen inneren und äußeren Notwendigkeiten, sei es das Flicken, das Einreiben der schmerzenden Füße, das Kochen von Fleischknödeln oder das Zigarettenrauchen. Die Personen füllen aber auch die zwischen ihnen entstehende Leere mit Worten. Die Schriftstellerin Liesl Ujvary hat einmal gesagt, dass ein Gutteil unseres Sprechens die Funktion hat, uns daran zu erinnern, dass wir einander (noch immer und immer wieder) mögen, dass alles in Ordnung ist zwischen uns und mit uns, also: Im Sprechen wird ein Miteinander geschaffen, in dem wir uns angstfrei zu bewegen hoffen. Diesen „Sprechraum“ versuchen die Figuren zu eröffnen, ihn einzuzäunen gegen alle Fährnisse und Krisen. Dazu passt auch, dass sie das „Nichts-Sagen“ quasi aussprechen, wie im folgenden Dialog:

(…)
Was soll das heißen.
Nix.
Nix.
Nix.
Und jetzt.
Was ‚und jetzt’.
Du bist vielleicht gut, herst.
Ja. Schön.
(…)

Diese Gespräche kennen keine Fragezeichen, was unterstreicht, dass es sich um keine wirklichen Fragen und Antworten handelt. Das Gesagte steht als erlebte Gemeinsamkeit da, Gemeinsamkeit zwischen Menschen, die nicht so recht wissen, was sie einander sagen (wollen). Das zitierte Gespräch steht auf Seite 15, hier sind wir noch am Beginn einer Entwicklung, die den Roman durchzieht: Entfremdung und Sprachlosigkeit werden zu einer Trostlosigkeit, die quasi nach und nach die Personen in Besitz nimmt. Diese aber sind tapfer, sie wehren sich nach Kräften und sie „prosten, trinken, lachen und singen stellenweise mit der Musik mit.“
Die andeutungsweise umgangssprachliche Niederschrift der Dialoge mit ihren Kalauern, Füllseln, kleinen Scherzen und Leerläufen bringt die Ambivalenz von Sagen und Nichts-Sagen zum Vorschein, zeigt die Hilflosigkeit des Romanpersonals im Umgang miteinander, betont die nur notdürftig gestopften Lücken, durch die Orientierungslosigkeit eindringt. Das klingt dann zum Beispiel so:
„Ui, jetzt hab i meine Tschick vergessen, ob ich das die fünfzehn Meter noch aushalt, sagt Andrea.“

Oder: „Na, ihr zwei Hübschen, sagt sie, was darf es sein. Sein oder Nichtsein, es muß sein, sagt Franz.“
Die einzelnen Kapitel sind mit kleinen Titeln versehen, sich wiederholende Verortungen wie etwa (Zett) oder (Schlacken) oder (Radio). Manchmal steht auch ein Datum oder eine Uhrzeit dabei. Wir befinden uns im Mai 1986, in Tschernobyl gab es einen Unfall in einem Atomkraftwerk. Das wird fast nebenbei erzählt, dennoch ist diese Katastrophe – wie alle Bedrohungen aus dem Radio – unmittelbar präsent. In der Folge nimmt die Bedrohung Gestalt an:
„Es wird geraten, Gemüse gründlich zu waschen und Kinder von Sandkästen fernzuhalten.“

Aber der Alltag kann sich um Tschernobyl nicht kümmern. Tschernobyl hat seinen Platz eben im Radio und in der Sowjetunion, die Auswirkungen sind unvorstellbar, die Welt ist groß und fremd, das eigene Leben ist ebenfalls fremd, nur etwas kleiner.
„Mag draußen die Welt ihr Wesen treiben, mein Haus soll meine Ruhstatt bleiben, steht neben der Tür am Klo.“

Zu den Verdiensten dieses Romans, der streng genommen gar kein Roman ist, gehört es, dass die Alltäglichkeit zur Sprache kommt, eine Alltäglichkeit, die gewissermaßen das Gegenteil von Entwicklung ist: So gesehen ist der Roman realistisch, weil er ernst nimmt, was die Personen beschäftigt, nämlich nicht die großen Entwicklungen, sondern vielmehr die kleinen Erfolge und Hindernisse, das Kehren der Fußabstreifer, die Arbeit als Putzfrau, das Firmendach, das „eh demnächst“ repariert wird, das „Fadenspitzerl“, das nicht ins Nadelöhr will, der Kuchen mit Schokolade und geriebenen Nüssen, die Stimmen aus dem Radio, das Eis in der Hand des Kindes undsoweiter undsofort. Die Personen sind „beschäftigt“ und wenn sie Glück haben, trotzen sie ihren Beschäftigungen so etwas wie Vergnügen ab, große Erwartungen haben sie nicht. Und doch versuchen sie immer wieder, ihr Bestes zu geben, freundlich zu sein, und dann endet alles mit einem Lächeln, nämlich so:

“Aber wirklich.
Ja.
Sabine lächelt.“

 

Rezension von Ilse Kilic
Oktober 2011

 

 

 

 

 

 

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ATOMKRAFT NEIN DANKE

The Thing Called Love, Peter Bogdanovich, ja, damals, im Kino

E.T.Spira, Alltagsgeschichte, Am Bahnhof, 1997

 

 

 

prostitution ist eine watschn ins gesicht der menschenwürde

und gewalt und erniedrigung speziell gegen die frauen unsere mütter schwestern töchter